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Benjamin Franz Interview

Das Interview mit Benjamin Franz führte UnterWasserWelt Chefredakteur Michael Goldschmidt am 20.6.1999 am Attersee, einen Tag nach der Rekordschlittenfahrt auf 76 Meter. Gleichzeitig wurde das Interview auf Digitalvideo aufgezeichnet, ein wertvolles Dokument für den Apnoe-Tauchsport. Info über Bezug des Interview auf VHS-Kassette unter eMail: Redaktion@unterwasserwelt.de
 
 
Wir treffen Benjamin Franz auf der Terrasse unseres Hotels. Pünktlich um 10:00 Uhr erscheint Benjamin, ein wenig ist noch von den Beanspruchungen der Siegesfeier vom vorausgegangenen Abend zu spüren. Der Qualm vieler (nicht von ihm gerauchter) Zigaretten hat die Stimme belegt.

UWW: Benjamin, was reizt Dich am Apnoe-Tauchsport?

B.F.: Tauchen grundsätzlich ist für mich Entspannung. Ich empfinde die Unterwasserwelt selbst als spannend, als Basis Abenteuer zu erleben, mein Entdeckerdrang vielleicht der Schatzsucher in mir hat mich bewogen das alles zu machen, das war der Einstieg in den Tauchsport für mich. Ich habe 1991 mit dem Flaschentauchen begonnen Über den Verein kam ich beim Hallenbad-Training mit dem Schnorcheln und Flossenschwimmen in Berührung. Natürlich gab es da auch die Übungen wie Zeittauchen, Streckentauchen und UW-Rugby.

UWW: Nun hat mit dem Schlitten abzusteigen oder mit konstantem Gewicht auf vorgegebene neue Rekordtiefen zu gehen, nichts mit Entspannung zu tun. Du stehst ja nun ständig unter Hochspannung. Wo bleibt da die angesprochene Entspannung?

B.F.: Während der drei Minuten des Versuchs, während ich da hinunter fahre, bin ich völlig entspannt. Sonst wäre so etwas generell nicht machbar. Hätte ich irgendwelche Verspannungen, würde ich nervös werden, würde ich Panik aufbauen, oder hätte ich Stress, weil ich nicht abschalten kann, müsste ich die Aktion abbrechen. Dann könnte ich unmöglich so tief tauchen. Die Denkphasen während des gesamten Tauchgangs sind so komplex, man muss sich auf so viele Details konzentrieren, käme da eine Ablenkung ins Spiel, wäre der Tauchgang nicht machbar. Man muss völlig entspannt sein und das macht auch die Schwierigkeit aus. Es sind immer Presseleute da, Fotografen, Schiedsrichter, eine Menge Zuschauer, die alle eine Menge an Erwartungen in mich stecken, jeder will, dass ich den Versuch schaffe, ich hoffe natürlich auch, dass das alles klappt,. Das ist natürlich ein enormer Druck, den man beim Training nicht hat.

UWW: Technisch wie physiologisch ist im Augenblick bei Deinen Schlittentauchgängen eine Grenze erreicht worden. Was muss jetzt geändert werden, um diese Grenzen zu überschreiten?

B.F.: Als ich diesen Rekord ankündigte, wusste ich nicht so genau, was auf mich zukommen würde. Ich habe mir das alles wesentlich leichter vorgestellt. Ich muss ehrlich sagen, ich habe das Maul zu voll genommen, ich dachte mir, dass eine Schlittenfahrt, zumal ich bereits konstant auf 50 Meter war, keine so grosse Distanz mehr bis auf 76 Metern aufweisen würde. Ich dachte mir, mit dem Schlitten dort hinunter zu fahren und mich mit den Armen am Seil wieder nach oben zu ziehen, das kann nicht so schwierig sein. Der Schlitten wurde auch erst vor 5 Wochen fertig und die Trainingsphasen waren sehr kurz. Wir hatten nur ein paar Mal Gelegenheit, das Ding richtig zu fahren, insgesamt vielleicht 20 Tauchgänge. Das war viel zu kurz. Und ich bemerkte mit jedem Tag, der dem Rekordversuch näher kam, dass ich grosse Schwierigkeiten hatte mit der neuen Tauchtechnik zurecht zu kommen. Ich war kurz davor, am Donnerstag einfach alles abzublasen, wäre an diesem Tag nicht alles beim Training sehr gut verlaufen. Eben, weil die Vorbereitungszeit für mich viel zu kurz war. Es warnten mich viele unter dem Hinweis darauf, dass man über Jahre hinweg Erfahrungen sammeln müsste mit einem Schlitten, vor allem mentale Erfahrung, man muss Sicherheit sammeln, das geht nicht innerhalb von 4 Wochen. Für mich war das jetzt eine sehr spontane Aktion, ich habe es geschafft, was mich sehr freut, aber ich würde so etwas nie wieder so unvorbereitet angehen. Zukünftig werden im Training bestimmte Tiefen erreicht und dann erst der Versuch unternommen den Rekord zu schlagen.
 
UWW: Jetzt ist das Süsswasser nicht gerade der gemütlichste Aufenthaltsort ab einer gewissen Tiefe, Kälte, Dunkelheit sind zwei Stichworte. Was reizt Dich am Süsswasser. Ist es nur deshalb im Mittelpunkt Deiner Aktionen, weil im Süsswasser viele Rekorde noch nicht aufgestellt wurden? Oder gibt es darüber hinaus noch einen Reiz?

B.F.: Für mich ist es die einfachste Art und Weise zu trainieren. Ich kann nicht ständig ans Meer fahren oder fliegen, vor allem nicht mit dieser Schlittenanlage, die doch grossen Raum einnimmt. Hier in Österreich am Attersee herrschen sehr gute Bedingungen, das Wasser ist sehr klar, man hat sofort Tiefe, man muss nicht weit heraus fahren um zu trainieren, also ideale Bedingungen bis auf die Kälte. Das ist der Knackpunkt der ganzen Sache. Deswegen sind die Rekorde im Süsswasser auch nicht so hoch wie im Meer.

UWW: Was könnte man gegen die Kälte unternehmen? Modifizierte Anzüge oder eine Anzugheizung bei “No-Limit”, dort steigt man ja von einem Auftriebkörper unterstützt zur Oberfläche?

B.F.: Beim variablen Gewicht ist es wichtig mit den Armzügen wieder an die Oberfläche zurückzukommen. Je dicker der Anzug ist, umso schwerer kann ich mich nur bewegen. Ziehen 7 mm Neoprene an meinen Oberarmen, ist das wie ein Expandereffekt. Das addiert sich zur körperlichen Anstrengung. Also wäre es nahezu unmöglich mit solch einem Anzug aus der Tiefe wieder nach oben zu kommen. Deshalb benutzte ich einen Anzug mit 5 mm Materialstärke, um mich besser bewegen zu können, aber der schützt mich nicht so gut vor der Kälte. Gestern, beim gelungenen Rekordversuch, stellte die Kälte ein deutliches Problem dar.

UWW: Euer Sponsor, ein grosser Tauchsportausrüster, hat das Team mit Standardanzügen “von der Stange” ausgestattet. Wäre es nicht besser, man benutzt einen speziell angefertigten Anzug, mit 7 mm Materialstärke im Körperbereich, 5 mm im Armbereich, eventuell mit besonders weichem Material in den Gelenkbereichen?

B.F.: Das kann man sicher machen und das werden wir auch machen. Wir werden mit dem nächsten Projekt dieses Problem angehen und einen Anzug fertigen lassen, bei dem die Arme aus besonders flexiblem Material bestehen, der Rumpf 7 mm oder 8 mm Materialstärke aufweist, was letztlich auch einen grösseren Auftrieb mit sich bringt, man leichter wieder nach oben kommt. Diese Vorteile möchte ich natürlich nutzen. Für den aktuellen Rekord war es einfach zu spät, all das noch gefertigt zu bekommen und es parallel zum Schlittentraining einzusetzen.
 
UWW: Wie dick dürfen die Anzüge laut AIDA-Statuten sein?

B.F.: Die Reglements der AIDA lassen im Süsswasser 8 mm zu, im Meer sind es 5 mm.

UWW: Stichwort Maske. Deine Maske hat für solche Tiefenrekorde ein ziemlich grosses Innenvolumen. Die wenige Luft muss auch noch zum Druckausgleich in der Maske verwendet werden...

B.F.: Ich habe beim Training in Italien die entsprechenden Tiefen bereits mit meiner normalen Maske erreicht und ging davon aus, dass das im Süsswasser mit meinem Lungenvolumen und meiner Druckausgleichstechnik auch keine Probleme aufwerfen würde. Ich hatte aber dann doch im Süsswassertraining Schwierigkeiten, wollte aber die Ausrüstung nicht mehr umstellen und auf eine noch kleinere Maske zurückgreifen. Das würde eine Unsicherheit hineinbringen.

UWW: Ein weiterer Deiner Sponsoren beschäftigt sich für Dich mit Kontaktlinsen, die den gesamten Augapfel bedecken und das Sehen unter Wasser ermöglichen. Wie steht es damit?

B.F.: Jaques Majol war der erste, der so ausgerüstet tauchte und erreichte Tiefen über 100 Meter. Ich habe erfreulicherweise nun jemand gefunden, der mir Linsen dieser Art besorgen kann. Wenn ich bei den Tests eine Leistungssteigerung feststelle, was ich erwarte, werde ich natürlich die Linsen auch benutzen.

UWW: Beabsichtigst Du im Süsswasser auch so fragwürdige Rekorde wie unter Eis anzugehen?

B.F.: Das habe ich noch nicht gemacht und werde ich auch nicht machen. Vielleicht aus Spass, dass ich auch unter Eis einmal Apnoetauchgänge mache, denn Eistauchen ansich ist schon faszinierend, aber nicht in Tiefen oder für Rekorde. Ich denke, die sportliche Herausforderung besteht darin, sich in den offiziellen Disziplinen zu messen und die sind nicht unter Eis. Das Tauchen unter Eis ist viel zu gefährlich - in erster Linie für die Sicherungsleute, die unter Eis tauchen müssen, in zweiter Linie erst für den Apnoetaucher. Ich könnte das für mein Team nicht verantworten. Ich würde alleine abtauchen, so verrückt bin ich, aber ich würde es meinem Team nie aufbürden so ein Risiko nur für mich allein einzugehen.
 
UWW: Im Augenblick ist der Schwerpunkt Deiner Rekorde im Süsswasser zu finden. Gibt es Perspektiven für ähnliches im Meer?

B.F.: Ich habe noch sehr wenig Erfahrung den Schlitten betreffend. Aber ein Anfang ist jetzt gemacht und die Möglichkeiten sind, auch wegen der Kontaktlinsen, gegeben. Die sind eher für den Einsatz im Meer gedacht, im See ist aufgrund der Kälte im Gesicht wohl weiterhin eine Maske erforderlich. Das nächste Projekt wird also im Meer eine respektable Tiefe zu erreichen sein. Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt. Ich tauche jetzt Apnoe seit 5 Jahren, davon drei Jahre extrem, ich habe jetzt fast alles zurückgestellt, Tauchen ist für mich momentan das Wichtigste. Noch vor einem Jahr hätte ich es mir nicht vorstellen können so tief zu tauchen, wie bei meinem gestrigen Rekord. Von daher ist alles offen. Ich kann nicht vorhersagen, was nächstes Jahr sein wird. Vielleicht habe ich aufgehört, weil ein Unfall passiert ist oder ich habe die 100 Meter Marke überschritten oder bin Rekordhalter im Meer. Ich denke jeder, der bedacht darauf ist seine Ergebnisse zu verbessern, kann seine Limits nicht definieren. Das ist ein Prozess, auf den man sich einlassen muss. Sobald ich aber die Lust daran verliere oder ein Unfall passiert, mir vielleicht bewusst wird, dass das alles zu risikoreich ist, dann will ich es sein lassen.

UWW: Dein Bruder Alexander spielt im ganzen Team eine sehr wichtige Rolle. Das zwischen Euch bestehende Vertrauensverhältnis ist bedeutend für Dein Training, Deine Tauchgänge. Ist dies der beruhigende Hintergrund in all Deinen Unternehmungen?

B.F.: Alexander ist für mich der wichtigste Partner, den ich habe. Er ist der Wichtigste an der Oberfläche, das ist jedem Freitaucher klar. Der Sicherungstaucher in der grössten Tiefe kann mir nicht helfen, ich kann da keine Atemluft nehmen, die Lunge ist zu komprimiert, auch die Taucher, die am Seil postiert sind, werden mir wenig helfen können. Wenn eine Ohnmacht eintritt, passiert das an der Oberfläche, und dann ist Alexander da. Er kennt mich wirklich gut aus dem Training, ob das im Schwimmbad ist, im See oder im Meer. Er ist immer mit dabei und weiss genau, wie ich mich verhalte. Er schaut die letzten 10, 15 Meter, die er mich nach oben begleitet, in die Augen und weiss genau, was los ist. Er kann eine Ohnmacht schon ahnen, das hat er schon ein paar Mal bei mir erlebt. Er ist für mich der wichtigste und hilfreichste Partner.
 
UWW: Die Ohnmacht am Ende eines Tauchgangs scheint ein häufigerer Begleiter zu sein. Ist das nun üblich, wie geht es den anderen Apnoetauchern?

B.F.: In der Szene bei Franzosen und Italienern zum Beispiel ist es so, wer keine Ohnmacht erlebt hatte, gehört nicht richtig dazu. Es ist eine Grenzerfahrung, die wir machen. Jede Extremsportart hat ihre Grenzerfahrungen. Und es ist abhängig von der Tagesform. Ist man schlecht drauf kann es vorkommen. Ich kann nur an der Oberfläche atmen. Habe ich mich übernommen und es fehlen noch ein paar Meter, dann ist Alexander da. Das passiert so 3 oder 4 Mal im Jahr. Nicht öfter. Eine Ohnmacht ist völlig unspektakulär, dauert vielleicht 2,3 Sekunden, ein kurzes Rütteln und ich bin wieder da. Wäre ich in diesem Moment alleine, könnte es zum tödlichen Unfall kommen. Das muss auch jedem Freitaucher bewusst sein.

UWW: Vermeidest Du mit Deinem Bruder über die Möglichkeit eines ernsthaften Unfalls zu sprechen?

B.F.: Es gibt zwei Bekannte, die beim Apnoe-Training umgekommen sind, Alexander Felix und Alexander Schweiger. Beide kamen ums Leben, als sie alleine trainierten. Das heisst, man vermutet eine Ohnmacht an der Oberfläche mit Ertrinkungstod. Alexander ist immer mit dabei und daher weiss er, dass ich nie alleine bin, das das Risiko gleich Null ist. Selbst so einfache Einheiten wie 25 Meter Streckentauchen überwacht er stets. Er weiss, dass er wichtig ist und es ist einfach sehr hilfreich ihn dabei zu haben.

UWW: Wie würde es weitergehen, wenn Alexander aus dem Team ausscheiden müsste?

B.F.: Es wäre ein riesiger Schlag für mich. Vermutlich müsste ich erstmal das Training einstellen, bis ich einen Ersatz gefunden habe. Dann würde es aber noch eine längere Zeitspanne in Anspruch nehmen, bis der neue Mann auch so kompetent ist wie Alexander und sich das Team einspielt. Denn wir sind ein Team, ich tauche nicht alleine, sondern ich komme im Team wieder hoch. Ich tauche allein ab, aber wir kommen im Team wieder hoch. Es ist eine Teamarbeit und ohne die vielen Helfer hier wäre kein Rekord machbar. Ich könnte allein nichts machen, garnichts. Und das muss jedem bewusst sein, Freitauchen ist kein Sport für Sologänger.
 
UWW: Wer gestaltet Deine Trainingseinheiten? Gibt es Vorbilder, Anleitung oder ist es selbst entwickelt?

B.F.: Tatsächlich habe ich Trainingsmethoden selbst entwickelt, nachdem feststellbar war, dass das eine oder andere besondere Vorteile brachte, anderes Nachteile zeigte. Gespräche mit erfahreneren Tauchern zeigten, dass wir unabhängig voneinander sehr ähnliche Trainingsmuster erarbeitet hatten. Zu 90% findet das Training im Schwimmbad statt, also Streckentauchübungen, lange Grundausdauereinheiten wie zum Beispiel über zwei Stunden schwimmen, um den Körper auf einen ökonomischen Sauerstoffverbrauch vorzubereiten. Dazu kommt langstreckenlaufen und radfahren, immer mit Pulskontrolle, um das Training effektiv zu gestalten. Dann natürlich so oft wie möglich an den See fahren, mit den Sicherungstauchern zusammen, um mich an die Tiefe zu gewöhnen. Wobei diese Einheiten aber kurz vor den Rekordversuchen stattfinden. Zunächst wird also geübt, so lange wie möglich unter Wasser bleiben zu können und die Muskulatur trainiert, um mit eigener Kraft wieder nach oben zu kommen. Einige Wochen vor dem Wettbewerb wird das Ausdauertraining eingestellt und durch Gymnastik und Stretching ersetzt. Beim Freiwassertraining wird auch die mentale Seite geformt, dass man Sicherheit erlangt im Umgang mit der Tiefe. Es ist also nicht nur wichtig lange die Luft anhalten zu können oder den Druckausgleich herzustellen, es ist auch wichtig mentale Stärke aufzubauen, um dort unten keine Panik zu bekommen.

UWW: Wie gross ist Deine Lungen-Vitalkapazität?

B.F.: Das sind 9 Liter. Dazu kann ich noch durch eine bestimmte Atemtechnik vor dem Abtauchen weitere etwa zwei, drei Liter Luft mehr aufnehmen. Doch schauen wir auf die Frauen im extremen Freitauchsport wie Deborah Andollo, die haben nur 5,6 Liter Lungenvolumen und sie tauchen auch sehr tief. So ist das Lungenvolumen sicherlich nicht allein für den Erfolg entscheidend.

UWW: Fast jede Sportart hat zur Zeit ihren Dopingskandal. Gibt es Dopingmittel auch beim Freitauchen?

B.F.: Ich arbeite natürlich mit Ärzten zusammen. Da gäbe es das sogenannte “Epo” (Indikation bei Dialysepatienten Blutwäsche bei Nierenversagen - Anm. d. Red.) ein Hormon, das den Hämoglobinausstoss unterstützt, was zu mehr Sauerstoffbindung im Blut führt. Das alles hat extreme Nebenwirkungen wie Trombosegefahr und ich glaube nicht, dass das jemand in der Szene versucht. Höhentraining wäre eine Möglichkeit, sich sicherlich zu verbessern, oder vor dem Tauchgang Sauerstoff einzuatmen. Das wäre das Doping schlechthin für den Freitaucher, man kann damit eine doppelte bis dreifache Tauchzeit erreichen wie mit normaler Luft, bei Wettkämpfen wird natürlich überwacht, dass das niemand macht. Bei Tieftauchgängen wäre es unsinnig, da Sauerstoff in bestimmten Tiefen giftig wird. Bei Zeittauchgängen sind aber unglaubliche Längen möglich, der Weltrekord liegt bei etwa 20 Minuten. Mir selbst sind schon Tauchgänge mit 15,16 Minuten gelungen, wobei ich da noch nicht an der Grenze bin. Es ist eine Spielerei, eine Show aber unsinnig für den Sport.
 
UWW: Umgekehrt gefragt, was weiss man über möglichen Sauerstoffmangel und dessen Auswirkung im Gehirn?

B.F.: Jaques Majol hat 1982 mit 60 Jahren als Freitaucher die 100 Meter Marke erreicht, ich habe ihn letztes Jahr bei der WM in Sardinen kennengelernt, er ist mittlerweile über 76 Jahre alt und taucht immer noch. Wenn man mit ihm spricht ist seine geistige Präsenz, seine Ausstrahlung unübersehbar. Ich kenne viele in ähnlichem Alter, die ihn um seinen Elan beneiden würden. Das sagt mir, dass es in diesem Sport keine Spätschäden geben kann, wie in anderen Sportarten.
 
UWW: Majol sagt aber selbst. dass er seine Rekorde mit wissenschaftlichem Hintergrund gemacht hatte, zu beweisen, dass der Mensch tiefer freitauchen kann, als es die Medizin immer behauptete und dass er seine persönlichen Grenzen ausloten wollte. Die grosse Apnoe-Bewegung, wie eine WM lehnt er ab.

B.F.: Jaques Majol und Enzo Majorca haben sich immer gegenseitig hochgeschaukelt. Ich denke, wenn er das behauptet, dann ist er gegenüber sich selbst nicht ehrlich. Sie haben sich oft nur um einen Meter übertroffen. Jeder hat Konkurrenten und wenn man sich im Sport mit einem Konkurrenten messen will, denke ich, ist dieses Fieber da.

UWW: Eine bekannte Paarung der Gegenwart sind die Apnoe-Konkurrenten Benjamin Franz und Heimo Hanke für die Szene in Deutschland und in Teilen der Rekorde auch international. Wie wichtig ist diese Konkurrenz für Dich. Hättest Du andere - geringere Tiefen angepeilt, hätte Heimo Hanke nicht zuvor 75 Meter erreicht?

B.F.: Die Konkurrenz ist für mich wichtig. Ich bin ein Sportler und ich brauche die Konkurrenz, weil ich mich damit messen will. Bei Heimo Hanke und mir ist es so, dass er sich in den offiziellen Disziplinen (konstantes Gewicht nur mit Flossenkraft - und Zeittauchen Anm. d. Red.), in denen Weltmeisterschaften ausgetragen werden, in den letzten Jahren nicht gezeigt hat. Er hat sich in diesen Disziplinen nicht gemessen. Ich bin in diesen Disziplinen der Deutsche Meister, nicht der Weltrekordhalter, so gut bin ich noch nicht, da sind noch Klassen über mir. Aber ich bin der Deutsche Meister, von daher war die Reibung nicht so gross. Heimo Hanke hat den “No-Limits” Rekord gehalten, auch diesen Variabel Rekord, das waren aber Dinge, die ich bis dahin nicht gemacht habe, die jetzt erst beginne. Dieser Rekord, den ich gestern aufgestellt habe, ist sicher für mich eine Genugtuung, weil ich immer ein gewisses Schattendasein führte. Der Laie denkt, Haimo Hanke taucht auf 80 Meter, oder 75 Meter, und Benjamin Franz war auf 50 Meter. Er kennt aber diesen Unterschiede nicht. Ich war mit eigener Kraft hinuntergetaucht, nur mit meinen Flossen, Heimo Hanke hat sich von einem Schlitten hinunterziehen lassen und wurde von einem Ballon zurück an die Oberfläche gebracht. In der Szene ist das konstante Gewicht höher bewertet, aber der Laie, der vor dem Fernseher sitzt, kennt den Unterschied nicht. Selbst Freunde von mir kannten den Unterschied nicht und sagten, dass da ein Deutscher tiefer gewesen sei als ich. Das war sehr belastend und mit Sicherheit mit ein Grund, warum ich mit dem Schlitten zu tauchen begonnen habe.
 
UWW: Wenn man Dein Team beobachtet, so ist überall ein Höchstmass an Motivation feststellbar. Woran liegt es?

B.F.: Ich kann nur eins sagen, dass ich verdammt stolz bin auf meine Leute. Es ist das schönste, was mir passiert, dass ich wie gestern sehe, dass alle mit dabei sind, mitfiebern und ich mich um nichts kümmern muss. Sie nehmen mir jede Arbeit aus der Hand, um mich wirklich am besten vorbereitet zu sehen. Allen ist es wichtig, dass ich einen Erfolg erziele. Das macht mich so glücklich, das kann ich keinem Menschen erzählen.
 
UWW: Yoga, autogenes Training, Physiotherapie, werden diese Übungen nur vor einem Rekordtauchgang gemacht?

B.F.: Die Übungen, Yoga und Gymnastik mache ich vor jedem Tauchgang. Der Effekt ist feststellbar, speziell vor wichtigen Rekordtauchgängen, wenn der Rummel zu gross wird, ich wirklich Entspannung brauche, dann ziehe ich meine Physiotherapeutin hinzu. Ich besuche sie sonst ab und zu, da wird diagnostiziert, was noch zu verbessern wäre, z.B. wie Verspannungen auch selbst zu beheben wären. Vor grossen Events ist sie mit dabei und das funktioniert dann auch. Ich war gestern vor dem Tauchgang so entspannt, dass ich im Anzug richtig gefroren habe.

UWW: Deine Frau Birgit, die als Sicherungstaucherin in 20 Metern Tiefe auf Dich wartet, spielt auch eine wichtige Rolle?

B.F.: Es ist in dieser Tiefe der Kontakt, der noch da sein muss. Beim Aufstieg würde ich nie versuchen, dort aus dem Oktupus Luft zu bekommen. Ich würde bis zur Oberfläche aufsteigen. Diese Position dient zur Tauchgangbeobachtung und zur Tauchgangbestätigung, nicht um mir zu helfen. Sie sagt selbst, dass Sie Angst um mich hat und es ist ihr lieber eine Funktion zu haben, die sie von dem ganzen Trubel ablenkt.
 
UWW: Gibt es im Hause Franz noch andere Gesprächsthemen ausser dem Tauchen?

B.F.: Schon, ja. Meine Frau ist begeisterte Kunstturnerin, sie hat es selber lange praktiziert und ist jetzt Trainerin und hat Lizenzen für Kampfrichterschulungen. Sie ist da sehr involviert und an den Wochenenden teils öfter unterwegs als ich. Leider habe ich nicht so viel Zeit, sie auf Wettbewerbe zu begleiten, wie sie es für mich tut. Ich finde es schön, wenn beide Partner was eigenes haben, um nicht nur noch aufeinander zu sitzen. Von daher funktioniert unsere Beziehung seit mittlerweile 10 Jahren unglaublich gut und es wird von Jahr zu Jahr schöner. Birgit bringt sich aber hier mit ein, erledigt vieles, was ich nicht machen kann weil es zu aufwendig wird, teilweise Büroarbeiten bis zur Logistik und Organisation und sie geht mit mir ins Wasser.

UWW: Was bleibt jetzt noch an Hobbys, was bietet Dir Entspannung?

B.F.: Ich gehe sehr gern ins Kino. Das erste, was ich heute Abend versuchen werde ist in Cham den Film Matrix anzuschauen. Über den Film habe ich schon sämtliche Infos gelesen und will den jetzt unbedingt sehen. Ich gehe auch gern auf Konzerte, höre Musik sehr gerne, solange es keine digitale Musik ist. Eric Clapton, Dire Straits, Rolling Stones, das ist die Wellenlänge. Aber auch das Laufen, Radfahren und Schwimmen, heute Bestandteil meines Trainings, sind Hobbys. Das Glücksgefühl, wenn man 20 Kilometer gelaufen ist, macht auch süchtig.
 
UWW: Welches Gefühl hast Du bei der Berichterstattung über Dich in den privaten TV Medien, die irgendwo immer gerne einen Tropfen Blut oder mehr zeigen wollen, geht es um Freitauchen?

B.F.: Für mich ist es immer wichtig in Anwesenheit der Presse einen sicheren Tauchgang zu absolvieren. Ich will zeigen, dass dieser Sport sicher ist, dass wir keine lebensmüden Wahnsinnigen sind. Ich will zeigen, dass es ein Sport ist, wie jeder andere auch, sicherlich ein exotischer Sport. Der Presse will ich immer vermitteln, dass zu 100% alles abgesichert ist und dass es vermutlich keinen Unfall geben wird, auf den viele wohl hoffen. Ich will keinem unterstellen, dass hier Sensationspresse betrieben wird oder Sensationsjournalismus, aber sicher wird jeder darauf warten, dass etwas passiert.

UWW: Hat die Popularität schon Dein Leben verändert?

B.F.: Ich glaube nicht, dass ich schon so bekannt bin. In meiner Heimatstadt Cham sicher, aber sonst... Die Presse ist natürlich für mich wichtig, ich will von dem Sport Leben, nebenher einem Beruf nachzugehen ist jetzt nicht mehr möglich, da der Trainingsaufwand zu gross geworden ist. Von daher sind Medien und ist Medienarbeit für mich wichtig. Ich habe Sponsoren, die Wert darauf legen, dass ich das Logo, die Firma so oft wie möglich in die Presse bringe. In den Interviews möchte ich auch vermitteln, das liegt mir am Herzen, wie schön dieser Sport ist. Im Roten Meer oder auf den Malediven benötigt man nur Maske, Schnorchel und Flossen und kann die schönsten Erlebnisse haben. Freitauchen ist für mich das grösste Erlebnis schlechthin, daher versuche ich es auch zu verkaufen.

UWW: Ein Leben nach dem Freitauchen, gibt es dazu Gedanken?

B.F.: Es wird sicher kein Leben nach dem Tauchen geben, tauchen werde ich ewig, solange ich es gesundheitlich machen kann. Vielleicht kommt einmal ein schwerer Unfall, man kann nie absehen eine schwere Krankheit, das wäre schon ein harter Schlag für mich. Es wird sicher eine Zeit nach dem extremen Freitauchen geben. Was ich hier mache ist ja Extremsport, es ist ein extremer Auswuchs des Freitauchens, und das ist nicht so lang machbar, vielleicht bis 35, 40 Jahre. Dann werde ich sicher mit dem Sport aufhören. Die Schritte zwischen den einzelnen Stufen werden immer kleiner, die grossen Sprünge sind nicht mehr machbar. Es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt, aber solange die Verbesserungen noch möglich sind, werde ich weitermachen.

UWW: Was sind die nächsten Ziele?

B.F.: Die magische Grenze von 53 Metern beim Konstantgewicht peile ich an, ich war schon mal knapp dran, auch hier im Attersee beim Training. Ich müsste dazu noch einmal 4-6 Wochen intensives Training investieren. Geplant ist dazu ein Versuch im September. Davor ist noch Ende Juli ein internationaler Wettkampf in Ägypten geplant, bei dem das deutsche Nationalteam antreten wird.
 
Nachlese

Zwei Wochen nach dem Event erreicht Benjamin Franz über Sebastian Nagel (zuständig für Weltrekorde und Reglement bei der AIDA Int. und Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft - die mittlerweile Heimo Hanke trainiert - ) eine Liste von Regelverstössen, aufgrund derer der Weltrekord nicht anerkannt wird. Die Anwesenheit der AIDA-Deutschland Schiedsrichter wurde ohnehin nicht berücksichtigt, da nicht zuständig. Unter anderem hätte Benjamin Franz seinen Versuch 3 Monate vor dem Veranstaltungstermin anmelden müssen. Nagel beruft sich auf die Ankündigung von Benjamin Franz, die er per Fax 2 Monate vor dem Versuch erhalten hatte. Bei darauf folgenden Telefonaten zwischen Benjamin Franz und Sebastian Nagel, in denen es immer auch um die Abstellung internationaler Schiedsrichter ging, wurde von Sebastian Nagel kein einziges Mal auf das Terminproblem hingewiesen und dieses als disqualifizierendes Moment erwähnt. Zudem wäre gegen eine Reihe von Regeln verstossen worden, die es nur in französischer Sprache nachzulesen gibt und die ein Schiedsrichter der AIDA Int. vor Ort hätte sofort ausräumen können.

Ins offene Messer laufen lassen, nennt man aus Sicht der Redaktion UnterWasserWelt solche Vorgehensweisen und fragt, wessen Interessen in diesem Zusammenhang wohl vertreten wurden. Wir vermissen das Grundprinzip Nummer 1 in allen Sportarten, vor allem im Tauchsport, nämlich die Fairnis allen Beteiligten gegenüber, vor allem auch dann, wenn sie sich von Anfang an um die Erfüllung der Reglements eines internationalen Verbands bemühen. Wir fragen, wozu gibt es einen Verband wie die AIDA, wenn immer öfter von Querelen und Ungereimtheiten die Rede ist? Wir könnten verstehen, wenn sich eine alternative Organisation herausbilden würde, die professionell, fair und offen operiert und die notwendige Seriosität erkennen läßt. Wir können uns nicht vorstellen, dass angesehene Sponsoren sich noch lange an der Nase herumführen lassen. Dann wäre der Schuss nach hinten losgegangen, auch für diejenigen, die sich Ungereimtheiten zunutze machen oder gar erst entstehen lassen.
 
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