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Benjamin Franz Schlittenabstieg

Es ist Samstag, der 19. Juni 1999. Ein Team aus über 30 Helfern bereitet den Rekordversuch vor. Alles läuft ruhig und wie am Schnürchen. Nirgends spürt man Nervosität. Benjamin hat sich zurückgezogen. Autogenes Training, Yoga, Physiotherapie stehen auf dem Programm. Alle respektieren diesen Rückzug vom Rummel außen in sich selbst.

Unvorstellbar wenig Trainingsfahrten mit dem Schlitten hat Benjamin absolviert. Die Tiefe selbst hat er auch noch nicht erreicht. Er kommt locker den Steg entlang, ist freundlich, gut gelaunt, wirkt entspannt. In Wirklichkeit ist er ob der außergewöhnlichen Situation stark angespannt. Doch er muß Lampenfieber vom Tauchgangablauf trennen. Da muß alles im Kopf stimmen. Kein Zweifel, keine Unsicherheit hat da auch nur für den Bruchteil einer Sekunde Platz. Das wäre der sofortige Abbruch. Da gibt es gedankliche Planspiele, bis 60 Meter hinab und dann abbrechen. Aber die verwischen sich zunehmend. Alles um ihn ist gut organisiert. Das Wetter spielt mit, die Sonne fehlt, aber es ist trocken. Und unten, da herrscht gute Sicht. Gut 20 Meter. Uwe Grintsch, der Mann am Ende des Seils in 77 Meter Tiefe erzhält später, er habe Benjamin etwa 20 Meter über ihm schon kommen sehen. Er brauchte nicht einmal seine Lampe einschalten.

Zuversicht, Vertrauen gewinnen langsam in Benjamin wieder die Oberhand. Das schwarze Schlauchboot nähert sich dem Tauchplatz. Begleitet von zwei Booten der DLRG Blaibach, eines für den Taucherarzt Dr. Manfred Schappler mit Assistenten, eines für die Presse. In den zwei Schlauchbooten des Tauchclubs sind die Sicherungstaucher ( 20 Meter: Birgit Franz, Alfred Pfefferl, 30 Meter Robert Steininger und Hans Stauber, 50 Meter Manfred Führmann und Rainer Hoffmann) und Helfer untergebracht. An Bord der Tauchplattform ist neben Benjamin die Gruppe der Oberflächen-Taucher (Alexander Franz, Hubert Mayer, Christian Wagerer) und Uwe Grintsch, der Mischgastaucher.

Alles ist bestens vorbereitet. Uwe Grintsch geht auf ein Zeichen von Benjamin, der mittlerweile schon am Schlitten hängt, auf Tiefe. Er weiß, daß Benjamin ihn keine Sekunde zu lang auf dieser Tiefe ausharren läßt. Die Strömung im See treibt das Boot der Journalisten immer wieder nahe an den Schlitten. Das irritiert.

Ausgelöst.- Benjamin verschwindet vor den Augen der Beobachter im See, der an der Oberfläche 16° C Wassertemperatur hat, bei 15 Metern sind es nurmehr 4° C.

Die ersten Meter scheinen endlose Zeit zu dauern, Benjamin meint fast, der Schlitten steht im Wasser. Nach 20 Sekunden ist die 20 Meter Marke erreicht. Mit Rasseln signalisieren die Sicherungstaucher dort den mit geschlossenen Augen abtauchendem Benjamin die erste Tiefenmarke. Neun Sekunden später hört er die Rasseln der Taucher auf 30 Metern Tiefe. Nach 44 Sekunden zeigt der Tiefenmesser 50 Meter. Fast 60 Sekunden nach dem Abtauchen betätigt Benjamin die Bremse, der Schlitten bleibt bei 76,8 Metern stehen, nach 61 Sekunden beginnt der Aufstieg, der weitere 105 Sekunden dauert. Gesamttauchzeit 2:46 Minuten.

Während an der Oberfläche sich Erleichterung und Jubel ausbreiten, haben die Taucher in der Tiefe die Bergungsarbeit für den Schlitten begonnen. “Wie fühlst Du Dich jetzt”, die Frage einer Reporterin. “Völlig fertig und ich friere elend”, antwortet Benjamin. Die Anspannung fällt von einer Sekunde auf die andere ab, läßt Raum für Gefühle. Er hat seit einem Tag nichts mehr gegessen, er ist glücklich aber erschöpft.

Dann macht sich Unsicherheit breit. Benjamins Tiefenmesser zeigt nur 75 Meter. Differenzen sind bei diesen Tiefen üblich, daher werden 4 Meßgeräte eingesetzt. Man wartet auf Uwe Grintsch und die Videoaufzeichnung.

Nach gut 45 Minuten, es ist mittlerweile kurz vor 14:00 Uhr, sind alle Taucher wieder an Bord, der Schlitten ist gehoben. Erleichtert gibt Benjamin das Zeichen zur Rückkehr. Dann der Schock. Das Videogehäuse am Schlitten gibt Feuchtigkeitsalarm. Noch ist man nicht am Ufer. Ist die Kamera abgesoffen, die Dokumentation unbrauchbar?

Nach dem Öffnen fließt ein Schnapsglas Wasser aus dem Gehäuse. Die Kamera ist trocken und betriebsbereit. Die Aufnahmen sind in Ordnung, alles ist aufgezeichnet. Wieder große Erleichterung. Alle Tiefenmesser werden kontrolliert. Bei 76,8 Metern stand das geeichte Gerät am Schlitten, 75 Meter zeigte Benjamins Gerät, die Anzeigen bei Uwe Grintsch nennen 77 Meter. Die AIDA - Schiedsrichter Florian Pilz und Markus Rudolph erklären, daß mit 76 Metern ein neuer deutscher Rekord im variablen Gewicht im Süßwasser aufgestellt wurde, lassen aber aufgrund von Unsicherheiten eines möglicherweise geänderten Reglements die Entscheidung offen, ob es auch ein Weltrekord ist. Man weiß nicht sicher, ob die Marke von 75 Metern um 2 Meter hätte überboten werden müssen (wie in der Vergangenheit), oder ob mittlerweile 1 Meter Differenz ausreicht. Das muß in Frankreich geklärt werden.

So mischt sich unter den Freudentaumel auch ein wenig Enttäuschung. Sollte es an 20 Zentimetern hängen? Oder ist der Weltrekord aufgestellt? Doch was soll`s. Das Team ist überglücklich und feiert ausgelassen. Benjamin, der nie Alkhol trinkt, hat sich selbst ür diesen Abend ein paar Bier verordnet, untermalt von einigen Schluck Goassen-Maß (Bier mit reichlich Cognac gemischt). Ach ja, auch Schnupftabak probierte er aus, alles unter dem Motto “Selbsterfahrung der anderen Art.

”Kalt und blau gefroren", das war für UnterWasserWelt das Zeichen ihm eine blaue Rose zu überreichen, als Erinnerung an diesen schönen Erfolg, der, wie er immer sagt, ohne sein Team, seine Freunde, nicht möglich wäre.
 
 
Alle UW-Aufnahmen mit freundlicher Genehmigung von Benjamin Franz aus digitalem Videomaterial adaptiert. Copyright und Kontakt für die digitalen Videoaufnahmen: Video Fleischer, Wallersdorf, Tel.: 09933-1064
 

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